Digitale Speditionen (auf dem Vormarsch?)

Wie Startups die Transportlogistik aufmischen
Die Logistik ist nach dem Handel und der Automobilindustrie der drittgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands. Hohe Lohnkostenintensität ist ein wesentliches Merkmal und auch gleichzeitig ein großes Optimierungspotential. Mit disruptiven Lösungen greifen Startups die Branche an. Prognosetools und Plattformideen, die schon andere Branchen umwälzten, werden zur Gefahr für die Marktführer. 9,6 Milliarden US-Dollar wurden von 2012 bis 2017 in Logistik und Supply Chain-Startups investiert – mit zunehmendem Erfolg. Ein Blick auf die Vereinigten Staaten zeigt das Ausmaß der aktuellen Entwicklung. Flexport konnte bereits über 300 Millionen US- Dollar für ihre digitale Spedition einsammeln. Convoy wird von Jeff Bezos und Bill Gates finanziert und zählt bereits über 100.000 involvierte LKW-Fahrer. Zudem entwickelt Uber ein eigenes System, Uber Freight. In Deutschland sind die Investitionen traditionell etwas zurückhaltender, aber auch hier hat das Wettrennen begonnen. Es zeigen sich viele innovative Ansätze für eine automatisierte Frachtdisposition. Dabei reicht das Angebot innovativer Dienstleistungen von Vergabeplattformen einzelner Unternehmen (Drive4Schenker), über Plattformen zur Frachtvermittlung (LoadFox), bis hin zu digitalen Speditionen, die rechtlich wie eine traditionelle Spedition auftreten (Cargonexx).

Seit 2016 wächst die Bekanntheit deutscher Logistik-Plattformen stetig an, hier zusehen anhand des steigenden Google-Trend-Wertes. - (Quelle: https://trends.google.com/trends/explore)

Kernkompetenzen klassischer Speditionen
In klassischen Speditionen ist die einfachste Form des Transports der Ladungsverkehr. Das Transportgut wird direkt vom Versender zum Empfänger transportiert. Für den Disponenten besteht die Schwierigkeit darin, Rückladungen zu finden, um Leerfahrten zu vermeiden. Beim Teilladungsverkehr wird pro Auftrag nur ein Teil des Laderaums benötigt. Um eine gute Auslastung des Transportmittels zu erreichen, fasst der Spediteur mehrere Teilpartien zusammen. Im Teilladungsverkehr ist es üblich, Ladungen zu verkaufen oder einzukaufen, um die Auslastung des Transportmittels zu erhöhen. Mit zunehmender Komplexität der Leistungserbringung steigt der manuelle Koordinationsaufwand. Ab einem gewissen Komplexitätsgrad stößt der Disponent an seine Grenzen. Die Zahl der Leerfahrten – wichtigste Kennzahl jedes Disponenten – steigt. Neben der Disposition ist der persönliche Kontakt zu Kunden und Fahrern eine wesentliche Kernkompetenz klassischer Speditionen. Technische Hilfsmittel beschränken sich meist noch auf Telefon, Fax und E-Mail. Lösungen in Form von Software und Algorithmen kommen kaum zum Einsatz.

Ganz anders bei den „Neuen“ in der Branche. Sie sind jung und angriffslustig, sie strotzen vor Selbstbewusstsein – und sie alle haben schon innovative Firmen gegründet. Nun sind sie auf das nächste vielversprechende Schlachtfeld weitergezogen. Digitale Speditionen denken Geschäftsmodelle vom Ziel her komplett neu.

Wettbewerbsvorteile digitaler Speditionen
Das Herz von Cargonexx, beispielsweise, ist ein selbstlernender Preis-Algorithmus. Eine intelligente Maschine zur Schätzung der aktuellen Preise für LKW-Fracht. Touren vom Ruhrgebiet nach Berlin am Freitagnachmittag sind zum Beispiel günstiger, weil viele polnische Frachtführer auf dem Rückweg sind und Leerfahrten vermeiden wollen. Jeder gute Disponent weiß das. In Startups weiß es der Algorithmus. In Zukunft soll der Algorithmus das Wissen aller Disponenten vereinen und effizient nutzen.

Klassische Frachtenbörsen werden bereits durch digitale Plattformen wie Cargonexx ersetzt, die mit wenigen Klicks den Preis ermitteln, einen passenden Transporteur finden, oder sich direkt selbst um den Transport kümmern. Der nächste Schritt soll weitere Vorteile bringen. Ist der Algorithmus gut genug geschult, wird er zusätzlich Prognosen erstellen. Aus beobachteten und gelernten Preisentwicklungen zieht er Rückschlüsse. Dafür müssen große Datenmengen ausgewertet werden. Gemeinsam mit anderen Informationen erlaubt dies eine immer genauere Prognostik. So können ungenutzte Lademeter reduziert werden, indem der Algorithmus passende Teilladungen vorschlägt, die auf der gleichen Strecke liegen. Bei Saloodo sendet eine Fahrer-App zudem Live-Auskünfte an den Empfänger, benachrichtigt ihn bei eventuellen Verspätungen und bietet die Option papierloser Frachtdokumente.

Stand der heutigen Entwicklung
Auch wenn das digitale Know-how der Start-ups erdrückend scheint und hohe Effizienzvorteile vermuten lässt, so haben sie sich trotzdem noch nicht durchgesetzt. Woran kann das liegen?  Ein für digitale Speditionen heikler Punkt ist der Wegfall persönlicher Kontakte. Disponenten werden durch Algorithmen ersetzt und der Kontakt beschränkt sich größtenteils auf Akquise bzw. das Trouble-Shooting. Ob der menschliche Faktor komplett aus dem Geschäft verschwinden kann und soll, ist fraglich. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Transportbranche zum großen Teil aus kleinen bis mittelständigen Unternehmen besteht, die oftmals noch sehr veraltete Systeme nutzen, die nur schwer in moderne Systeme zu integrieren sind. Zudem hat sich aus der Vielzahl von digitalen Lösungen noch keine Technologie final durchsetzen können, so dass Firmen einer weitreichenden Implementierung kritisch gegenüberstehen.

Handlungsempfehlung für Transportdienstleister
Der digitale Wandel lässt sich nicht aufhalten und der Markt bewegt sich immer stärker auf eine vollautomatisierte Transportvergabe zu. Dass klassische Speditionen digitaler werden müssen, um langfristig mithalten zu können, ist eine Gewissheit. Andere Branchen haben dies bereits bestätigt. Der Transport und das einfache Dispositionsgeschäft werden zu Nebentätigkeiten. Speditionen und Transportunternehmen sollten dies als Chance sehen und sich von der Rolle des einfachen Transportdienstleisters befreien. Eine Neupositionierung als strategischer Supply Chain Partner ihrer Kunden ist erfolgversprechend.

Die folgenden Punkte empfehlen wir dabei:

  • Anstatt gegen die neuen Technologien anzukämpfen, die neuen Ansätze ausprobieren – Mit kleinen Teams können die meisten Systeme ohne großen Aufwand und meistens kostenlos getestet werden.
  • Überlegen, wie die neuen Plattformen effizient einsetzbar sind:

    • Können mehr Touren disponiert werden als zuvor?
    • Könne unbeliebte Touren schneller disponiert werden?
    • Kann ich meinen Kunden neue Services anbieten, die ich mit der eigenen Flotte bis jetzt nicht bedienen konnte?

  • Persönliche Kontakte zu guten Kunden weiter intensiv pflegen, Zukunftsorientiertheit mit modernen Systemen präsentieren und sich so von der Konkurrenz abgrenzen.

Ansprechpartner:
Tim Adrian
tim.adrian@capgemini.com

Tobias Braun
tobias.braun@capgemini.com


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